Von wegen Bandscheibenvorfall - Ein kleiner Muskel ist schuld

Du leidest unter heftigen Rückenschmerzen? Deine Beine tun weh und es kommt sogar zu Lähmungserscheinungen? Na klar, dann ist das wohl ein Bandscheibenvorfall. Doch weit gefehlt. Bei vielen Sportlern, vor allem Läufern, kann ein kleiner Muskel im Pobereich die gleichen Symptome verursachen. Ärzte bezeichnen das als Piriformis-Syndrom und es lässt sich gut behandeln.

Von wegen Bandscheibenvorfall (Foto: adpic)

Man nennt ihn auch den Läufermuskel. Nicht weil er so wichtig ist, nein, eigentlich hat er nur eine untergeordnete Bedeutung. Aber bei überdurchschnittlich vielen Läufern meldet er sich schmerzhaft zu Wort. Der Musculus Piriformis gehört zur tiefen Schicht der Hüftmuskulatur und liegt versteckt unterhalb des großen Gefäßmuskels. Er verbindet Kreuzbein und Oberschenkel und ist im Idealfall weich und dehnbar. Aber gerade bei Läufern ist das recht häufig nicht der Fall. Die Gründe:
  • Das Laufpensum ist zu groß und entspricht nicht dem derzeitigen Leistungsvermögen
  • Die Trainingsintensität wird zu schnell gesteigert.
  • Die Lauftechnik ist korrekturbedürftig.
  • Die Laufschuhe sind abgelaufen oder die falsche Wahl.
Treffen ein oder mehrere Gründe zu, sind die für das Laufen hauptsächlich verantwortlichen Muskeln der Hüfte überfordert. Also müssen Hilfsmuskeln einspringen und zu ihnen gehört auch der Piriformis. Er verspannt und verkürzt sich und drückt dann irgendwann direkt auf seinen berühmten Nachbarn: den Ischianerv. Eigentlich kann ein geschulter Arzt mit gezieltem Druck auf bestimmte Triggerpunkte feststellen, ob der Piriformis betroffen ist, doch diese Untersuchung nehmen leider viel zu wenig Mediziner vor. Stattdessen vermuten sie einen Bandscheibenvorfall, denn die Symptome sind ähnlich: 
  • Es kommt zu stechenden Schmerzen im Gesäß.
  • Die Schmerzen können bis in den hinteren Oberschenkel ausstrahlen.
  • Es fängt an zu Kribbeln und es treten Taubheitsgefühle auf. 
Bei diesen Symptomen ist es natürlich wichtig, mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren, einen Bandscheibenvorfall auszuschließen. Und leider viel zu häufig sind auch Schäden an den Bandscheiben zu erkennen. Vor allem in Deutschland greifen Chirurgen dann gerne zum Skalpell. Mittlerweile mindestens 100.000 mal jedes Jahr. Viel zu häufig, wie zahlreiche Experten kritisieren, denn in neun von zehn Fällen ist eine OP unnötig. Das Problem: Viele Patienten leiden auch nach dem Eingriff weiter unter Rückenschmerzen und das ursprüngliche Problem besteht nach vor. Und dabei handelt es sich sehr häufig um das Piriformis-Syndrom. In einer US-Studie hat sich gezeigt, dass bei 42 Prozent aller an einer Bandscheibe operierten Patienten eigentlich ein Piriformis-Syndrom vorlag. Es gibt zwei Testformen, mit deren Hilfe Ärzte oder in manueller Therapie ausgebildete Physiotherapeuten einen Piriformis-Syndrom nachweisen können: 
  • Straight-Leg-Raise-Test (SLR): Der Patienten liegt auf dem Rücken und der Arzt oder Therapeut hebt ein gestecktes Bein langsam nach oben. Treten dabei Schmerzen auf sind eher Wirbelsäule oder Kreuzbein die Auslöser und nicht der kleine Muskel.
  • FAIR-Test: der Patient liegt auf der nicht schmerzenden Seite. Arzt oder Therapeut umfassen das oben liegende Bein, bringen es in die 90-Grad Beugung und führen es dann vorsichtig bis zu 60-Grad nach nach. Mit der anderen Hand drücken sie auf den Polmuskel. Das kann zum einen Schmerzen verursachen und zum anderen kann der Arzt oder Therapeut eine Verhärtung fühlen. 
Unbehandelt kann es dazu kommen, dass der Ischaisnerv eingeklemmt wird, was heftige Schmerzen und extrem verspannte Muskeln verursacht. Betroffene nehmen meist eine andere Körperhaltung ein, um die Pein ein wenig zu lindern. Das führt aber nur zu muskulären Dysbalancen und weiteren Beschwerden. Deshalb ist es ratsam, schon beim Auftreten erster Symptome zu einem guten Arzt oder Therapeuten zu gehen. Folgende Therapien kommen dabei zum Einsatz:
  • Schmerztherapie: Zur Schmerzlinderung Ultraschall und Eisspray (manchmal verschreiben Ärzte auch so genannte nicht-steroidalt Antirheumatika).
  • Triggerpunktmassage: Um das Problem langfristig zu beheben, hat sich eine so genannte myofasciale Triggerpunkttherapie als sehr wirksam erwiesen. Entsprechend ausgebildete Physiotherapeuten schieben ihre Fingerkuppen bis tief unter die Haut. Diese schlägt unter den rhythmischen Bewegungen Wellen und so lösen sich die Verspannungen. 
  • Dehnen: Mit speziellen Stretchingübungen wird der betroffene Bereich gedehnt.
  • Ärztliche Behandlung: In besonders schweren Fällen injizieren Ärzte Anästhetika und Corticoide. Manchmal ist eine OP nötig, damit der Piriformis nicht mehr gegen den Ischiasnerv drücken kann. 
Allerdings ist Geduld gefragt. Über zwei bis drei Monate kann sich die Behandlungsdauer erstrecken. Neben den medizinischen Maßnahmen, können Betroffene aber auch selbst eine ganze Menge tun. Sowohl zur Vorbeugung als auch zur Therapie: 
  • Trainingspläne: Überlastung ist einer der Hauptgründe für das Piriformis-Syndrom. Das Training sollte deshalb überdacht und den individuellen Fähigkeiten entsprechen angepasst werden.
  • Krafttraining: Viele Läufer meiden es wie der Teufel das Weihwasser. Auch wenn es seltsam klingt: Laufen verbessert zwar die Ausdauer, aber wichtige Muskeln schwächen sich ab. In Studien hat sich gezeigt, dass vor allem die Hüftadduktoren (das sind jene Muskeln, mit denen wir ein Bein seitlich wegführen können) beim Laufen leiden. Dazu gehören der große und kleine Polmuskel sowie der Musculus piriformis. Schon zweimal die Woche 20 bis 30 Minuten reichen aus, um hier gezielt zu arbeiten. Ganz wichtig ist zudem ein regelmäßiges Training der Core-Muskulatur (dazu gehören auch-, Rücken-, Wirbelsäulen- und Beckenmuskeln). 
  • Beinlänge: Viele Menschen leiden unter einer Beinlängendifferenz, die zu muskulären Dysbalancen und so auch zum Piriformis-Syndrom führt. Manchmal lässt sich das manuell von einem Therapeuten beheben. Ist das nicht möglich, helfen orthopädische Einlagen. 
  • Stretching: Auch gezielte Dehnübungen  können helfen vorzubeugen und eventuelle vorhandene Probleme zu beheben. Hier das passende Video dazu.

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