Das gar nicht so böse Laktat


Das Salz der Milchsäure galt über Jahrzehnte hinweg als einer der wichtigsten Indikatoren für die sportliche Leistungsfähigkeit. Zu viel davon im Blut schwächt die Muskeln.  Das ist neuesten Erkenntnissen zufolge falsch. Laktat hilft sogar bei der Erholung und das hat natürlich Auswirkungen auf das Training.

Das gar nicht so böse Laktat (Foto: adpic)

Es ist der berühmte kleine Pieks ins Ohrläppchen, den jeder kennt, der sich schon einmal eingehend sportmedizinisch hat untersuchen lassen. Über Jahrzehnte hinweg zapften Ärzte und Sportwissenschaftler den Athleten nach einer Belastung Blut ab, um den Laktatspiegel zu messen. Aus den jeweiligen Werten ermittelten sie dann einen vermeintlich optimalen Trainingsplan. Das Salz der Milchsäure wurde verantwortlich gemacht für Muskelkater, müde Beine und Arme, es galt sogar als schädlich für den Körper. Doch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt: Das stimmt so nicht. Statt den Muskel zu ermüden, kann Laktat die Kraftpakete bei ihrer Arbeit sogar unterstützen. Wie nur konnten sich ganze Generationen von Experten so irren?Dazu ist ein kurzer Exkurs in die Medizingeschichte nötig. 
  • 1922 bekamen der Physiologe Archibald Hill (1886 – 1977) und der Biochemiker Otto Meyerhof (1884 – 1951) den Medizinnobelpreis für ihre Studien zum Kohlenhydratstoffwechsel in der arbeitenden Muskulatur. 
  • Die beiden Wissenschaftler hatten in Untersuchungen festgestellt, dass genau in dem Moment, in dem Muskeln anfangen zu schwächeln, viel Milchsäure produziert wird. 
  • Daraus folgerten die Beiden: Michsäure ist ursächlich verantwortlich für die Muskelermüdung.
  • Problem: Nobelpreis hin oder her - die beiden haben das Ganze fehlinterpretiert. Zur ihrer Ehrenrettung muss man allerdings sagen, dass sie nicht über die modernen Möglichkeiten der Medizin von heute verfügten.
Doch wie die Sache mit dem Spinat und der Kraft, an der, obwohl längst widerlegt, immer noch viele glauben, ist das mit dem Laktat ebenfalls immer noch tief in den Köpfen selbst versierter Trainer verankert. Wie das Salz der Milchsäure tatsächlich wirkt, beginnen Forscher erst jetzt so richtig zu verstehen. Bislang ging man immer davon aus, dass Laktat erst bei einer so genannten anaeroben Belastung produziert wird. Also einer Tätigkeit, bei dem nicht mehr genügend Sauerstoff zur Verfügung steht. Doch neue Studien zeigen, dass dem nicht so ist. Denn egal ob in Ruhe oder bei körperlicher Anstrengung, der Körper produziert ständig Laktat. In Ruhe nur winzige Mengen, bei Belastung immer mehr. Das hängt mit dem Kohlenhydratstoffwechsel zusammen. Dazu ein Beispiel: Beim Bankdrücken mit einem relativ hohen Gewicht, fängt der Körper nach etwa sieben Sekunden an, Kohlenhydrate zu verbrennen. Es entsteht Milchsäure, die in zwei Bestandteile zerfällt: zum einen in das „gute“ Laktat, zum anderen in „böse“ Wasserstoffionen. Warum „gutes“ Laktat und „böse“ Wasserstoffionen? 
  • "Gutes Laktat" deshalb, weil es ein wichtiger Energieträger ist. 
  • Eine besondere Rolle spielen dabei die so genannten Laktat-Shuttle-Systeme. Mit Hilfe spezieller Transportproteine durchwandert das Laktat den ganzen Körper und erreicht das Herz und andere Organe.
  • Bei einer entsprechend hohen Belastung nutzt das Herz das Laktat sogar zur Energiegewinnung.
  • Laktat ist also kein leistungsbegrenzender Faktor, sondern genau das Gegenteil. Die Milchsäure ermöglich es, erschöpfte Muskulatur aus der gesamten Peripherie des Körpers wieder aufzutanken. 
  • Manche Forscher halten das Laktat mittlerweile sogar für einen der wichtigsten Energiebrennstoffe überhaupt. 
Schuld an übermüdeten und brennenden Muskeln, da ist sich die moderne Sportwissenschaft heute sicher, sind die „bösen“ Wasserstoffionen. Denn sie senken den ph-Wert innerhalb des Muskels und hemmen die Aufnahme von Kalzium. Das Mineral benötigen unsere Kraftpakete um frische Energie aus Adenosintriphosphat (ATP) freizusetzen. Und ATP ist nun mal einer der wichtigsten Energiespender des Körpers. Was haben diese neuen Erkenntnisse nun für ein effektives Training zu bedeuten? Schauen wir uns dazu noch einmal unsere Muskelphysiologie etwas genauer an: 
  • Jeder Mensch besitzt zwei unterschiedliche Muskelfasertypen. 
  • Zum einen die langsam kontrahierenden Typ-I-Fasern, wie sie bei guten Ausdauerathleten vorherrschen
  • Zum anderen die schnell kontrahierenden Typ-II-Fasern, wie sie vor allem bei Kraftsportlern und Sprintern in größerer Anzahl vorhanden sind. 
  • Die meisten Menschen haben übrigens ein ausgeglichenes Verhältnis der beiden Muskelfasertypen.

Langsame Muskelfasern sind ermüdungsresistent und können Laktat sehr gut abbauen. Die schnellen Muskelfasern hingegen produzieren bei entsprechender Belastung viel Laktat. „Wer seine Leistung im Krafttraining verbessern möchte, hat nun zwei Möglichkeiten. Ein Kraftausdauertraining und ein Hypertrophietraining. Beim Kraftausdauertraining kommt es allerdings nicht auf die Zahl der Wiederholungen an, sondern auf die Dauer der Ausführung. „Diese liegt zwischen 30 und 60 Sekunden pro Übung und Satz. Es geht vor allem darum, das Gewicht bei korrekter Ausführung so lange zu bewegen wie möglich. Die Vorteile dieser Übungsform: Es wird viel Laktat produziert und bei regelmäßigem Training passt sich der Körper an. Es kommt also zu einer stetigen Leistungssteigerung.

Beim Hypertrophietraining wird mit höheren Gewichten aber kürzerer Belastungsdauer trainiert. Sie liegt zwischen zehn und 20 Sekunden. Da bei dieser Form sehr viele Muskelfasern zur Kontraktion gebracht werden, produziert der Muskel sehr viel Laktat. Außerdem kommt es zu einem großen Wachstumsreiz. Unvollständige Pausen machen das Workout noch intensiver. Vor allem Bodybuilder favorisieren naturgemäß das Hypertrophietraining. Allerdings stoßen sie dabei irgendwann an ihre Grenzen und plötzlich sind keine weiteren Leistungssteigerungen mehr möglich. Immer mal wieder Phasen mit Kraftausdauertraining kann das verhindern. Warum?
  • Kraftausdauertraining ist sozusagen die Infrastruktur für das Hypertrophietraining.
  • Wie frisches Grün an einem Strauch sprießen neue Gefäße und verbessern die Kapillarisierung deiner Muskeln. Auf diese Weise werden die Kraftpakete besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt.
  • Der Körper lernt zudem das Laktat besser und effektiver zu verarbeiten. Also bis du in der Lage größere Trainingsreize zu setzen.  

Wie schon häufiger in diesem Blog erwähnt, spielt zudem die Regeneration eine besondere Rolle. Nach einem intensiven Krafttraining kann es bis zu 48 Stunden dauern, um die volle Leistungsfähigkeit wieder herzustellen. Bei sehr gut trainierten Sportler kann sich diese Zeit verkürzen. Außerdem ist es ratsam möglichst abwechslungsreich zu trainieren. Wer stets die gleichen Übungen durchführt muss damit rechnen, dass die Leistung stagniert.  Übrigens: Bevor Anfänger hochintensives „Laktattraining“ durchführen, sollten sie sich zunächst eine Basis antrainieren. Vor allem die korrekte Technik ist entscheidend.

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